Mitte

23.8.2019

Man ist versucht, die Extreme zu vermeiden und drängt deshalb in die Mitte respektive zu den Mitteparteien. Die Frage ist jedoch, ob sich diese Parteien tatsächlich in der Mitte befinden oder ob sie nur vorgeben, in der Mitte zu sein. So ist, gleichnishaft gesehen, der Mittelfinger zwar in der Mitte der Hand, aber die Hand ist keinesfalls in der Mitte des Körpers – sie zählt vielmehr zu den Extremitäten.

Wo sich eine Gesellschaft tatsächlich befindet, lässt sich nicht zuletzt an den Bebauungsstrukturen der Städte und Dörfer ablesen. Dementsprechend wird eine Bevölkerung, die sich in der Mitte eingependelt hat, auch mittenhafte Strukturen erschaffen, wird Hierarchien bilden und politische, religiöse und örtliche Mitten definieren, während die mittenlose Gesellschaft im Nirgendwo versinkt.   

Mittelalterliche Stadtstruktur

Moderne Stadtstruktur

Veröffentlicht am 23.08.2019 16:21 Uhr.

Wege

21.8.2019

Bei der Einfahrt in ein Singener Parkhaus die folgende Inschrift entdeckt:


Es zeugt von einer feinen Ironie, diesen Spruch in einem Parkhaus anzubringen.

Abgesehen davon ist Kästners Maxime wesentlich intelligenter und sinnfälliger als jene einfältigen Slogans wie »Der Weg ist das Ziel« oder »Unterwegs sein ist wichtiger als ankommen«.

Veröffentlicht am 21.08.2019 18:09 Uhr.

Verdichtetes Bauen

19.8.2019

In einem »Weltwoche«-Artikel mit dem Titel »Entsorgte Vergangenheit« beschwert sich Martin Killias, Präsident des Schweizer Heimatschutzes, über die Folgen des verdichteten Bauens. Im Namen der Verdichtung werde ausserhalb der Zentren wacker an der Beseitigung aller Spuren der Vergangenheit gearbeitet, stellt er fest und verlangt, dass das Anliegen der Investoren gegenüber jenem der Mehrheit der Eigentümer zurückgesetzt werde.

Es ist richtig, was Herr Killias sagt, aber er sagt nicht alles. Verdichtung ist die Weiterführung der Zersiedelung mit anderen Mitteln oder mit anderen Vorzeichen. Während bei der Ausdehnung der Siedlungsbereiche sinnbildlich ein Unterdruck erzeugt wird, schafft die Verdichtung einen Überdruck. Und warum diese Massnahmen? Weil das »Erfolgsmodell« Schweiz auf masslosem Wachstum beruht. Innerhalb eines Jahrhunderts hat sich die Bevölkerung fast verdreifacht, und will man den Lebensstandard halten oder weiter erhöhen, muss auch die Bevölkerungszahl weiter gesteigert werden.

Im wirtschaftlichen Bereich spricht man diesbezüglich von einem Schneeballsystem. Das trifft aber auch auf die Bevölkerungsentwicklung zu und ebenso auf die Bautätigkeit. Hier wie dort sind die Schneemassen bereits ins Rutschen geraten, und sie verdichten sich allmählich zur Lawine. Zwangsläufig werden dabei zuerst jene Dinge weggerissen, die dem mobilen Druck, sprich den Schneemassen, im Wege stehen.

Veröffentlicht am 19.08.2019 16:58 Uhr.

Der »umstrittene« Autor

17.8.2019

Der hundertjährige Ernst Jünger im Gespräch:

»An sonnigen Tagen erheitere ich mich manchmal durch Seifenblasen, die der Wind zwischen Pflanzen und Blumen trägt. Es ist für mich ein Symbol der Flüchtigkeit und ihrer ungreifbaren Schönheit.«

»Manchmal rauche ich eine Zigarette, aber erst seit einiger Zeit. Ich war niemals ein Raucher, ich habe erst vor kurzem begonnen. Ich finde den Gesundheitskult ebenso langweilig wie jenen der Krankheit.«

»Die Kirche ruhte zuerst im einheitlich Absoluten. Luther hat das alles zerstört. Nietzsche ist der Meinung, dass alles in harmonischer Ordnung war, und dann kommt dieser Bauer daher und zerstört das alles.«

Veröffentlicht am 17.08.2019 17:34 Uhr.

Pflicht und Kür

17.8.2019

So heisst es im Sport, etwa im Eiskunstlaufen oder beim Turmspringen, bei denen es jeweils ein Pflicht- und ein Kürprogramm zu absolvieren gilt. Das gilt aber auch für jedes einzelne Leben, und es zeigt sich auch darin, dass etwa das Muster des Fingerabdrucks unveränderlich ist (Pflicht), während die Handlinien sich im Lauf des Lebens durchaus verändern können (Kür).

Heute spricht alles von der Kür, von den grenzenlosen Möglichkeiten, die der einzelne hat, vom Individualismus, der freien Wahl aller Lebensbereiche bis hin zum eigenen Geschlecht. Doch das Pendel hat längst begonnen, in die andere Richtung zu schwingen: Täglich werden neue Gesetze und Regeln erlassen. Das gesamte Leben wird reglementiert und in Bahnen gelenkt, die das individuelle Schicksal ausschliessen. Die Staatssysteme nehmen allmählich – und dies bisweilen unerkannt – totalitäre Formen und Strukturen an.

Wirkliche Freiheit kennt ihre Grenzen, und wer Grenzen zieht, darf damit das Leben nicht ersticken. Dementsprechend leitet sich die Pflicht von »Sorgen«, «Pflegen«, »Gebot« ab, während Kür die »Wahl« ist. Das wird auch im Begriff der »Kurfürsten« deutlich, die bis ins Jahr 1806 den Römischen Kaiser deutscher Nation wählten oder eben kürten.

Veröffentlicht am 17.08.2019 8:01 Uhr.

Weitere Einträge laden