Mohrenkopf

16.5.2019

In der neusten Ausgabe der Schaffhauser AZ empört sich ein Redaktor darüber, dass in der Altstadt ein Haus den Namen »Mohrenkopf« trägt und auf einem der öffentlichen Plätze der »Mohrenbrunnen« steht. Man wittert Diskriminierung oder Rassismus, obwohl die entsprechenden mittelalterlichen Häuser- und Objektnamen sich auf die Bibel beziehen und im konkreten Fall dem damals äusserst populären Mohrenkönig huldigten.

In solchen Fällen überlege ich mir jeweils, ob ich nicht Gegensteuer geben sollte. Mein Name würde es erlauben. Vielleicht führe ich demnächst im Blog eine Rubrik »Mohren-Köpfe« ein, in der von mir ausgewählte Persönlichkeiten Erwähnung finden. Der oben genannte Redaktor käme darin allerdings nicht vor.

Veröffentlicht am 16.05.2019 11:18 Uhr.

Der Umgang mit Geschichte

15.5.2019

Dass Luther sich antisemitisch äusserte, die Juden gerne eigenhändig erwürgt hätte, ist bekannt. Aber als massgebende Persönlichkeit der Reformation und der protestantischen Kirche geniesst er eine gewisse Immunität. Zudem gibt es »Pastorentöchter«, die ihren Aufstieg indirekt ihrer Herkunft verdanken.

Dass Wagner sich antisemitisch äusserte, die Juden für unfähig hielt, sich künstlerisch auszudrücken, ist ebenfalls bekannt. Aber auch er geniesst eine gewisse Immunität, denn der Kreis jener, die regelmässig nach Bayreuth pilgern, ist nach wie vor gross.

Dass Nolde sich antisemitisch äusserte, Hitler als seinen Freund bezeichnete, ist neuerdings ebenfalls bekannt. Und prompt hat die Kanzlerin das Nolde-Gemälde »Brecher« aus ihrem Büro entfernen lassen. Damit steht sie in guter Tradition. Immerhin galten bei den Nazis Noldes Gemälde als entartete Kunst.

Veröffentlicht am 15.05.2019 6:56 Uhr.

Moral und Ethik zum Zweiten

13.5.2019

Zufällig im SWR2 das Interview der Woche gehört. Zu Gast war, aus Anlass der bevorstehenden Europawahl, die Bundesjustizministerin. Ihre Ausführungen klangen vernünftig und nachvollziehbar. Es war, um mit Max Picard zu sprechen, alles richtig, was sie sagte, aber ich glaubte ihr kein Wort.

Als ich vor Jahren eine kurze Rede zur Herausgabe des Buches »Der alte Fluss« von Max Picard in Schopfheim hielt, sprach ich unter anderem davon, dass Picard in seinem Denken unabhängig gewesen war und er sich bestimmt nie von Parteien habe vereinnahmen lassen – dass ihm Parteien wohl suspekt gewesen seien.

Das nahm mir eine Landtagsabgeordnete, die sich ohne mein Wissen im Publikum befand, übel. Woran das deutlich wurde? Zunächst an den Worten, mit denen sie mich ansprach, aber auch an ihrem Blick, vor allem aber daran, dass sie es nicht mit Humor nehmen konnte.

Veröffentlicht am 13.05.2019 16:43 Uhr.

Moral – Ethik – Kunst

12.5.2019

Die Moral ist allgegenwärtig, denn sie steht in einer Wechselwirkung, indem sie das gesellschaftliche Leben prägt, andererseits aber aus dem gesellschaftlichen Leben erst hervorgeht. Das erklärt auch, wieso sich die Moralvorstellungen beständig ändern.

Die Ethik hingegen entsteht nicht aus dem Verhältnis Mensch zu Mensch oder Mensch zu Gesellschaft, sondern entspricht dem Verhältnis Mensch zur Schöpfung. Sie kann zwar immer wieder neu formuliert werden, in den Grundzügen bleibt sie jedoch konstant, wie etwa die zehn Gebote. Obwohl diese nicht frei von Moralvorstellungen sind, überwiegt hier gleichwohl die ethische Komponente. Die zehn Gebote sind deshalb auch nicht Gesetz, sondern eben Gebot – dem Wortsinn nach das Angekündigte, Bekanntgemachte.

In demselben Spannungsbogen steht die Kunst. Sie, respektive der Künstler, hat sich zu entscheiden, ob er sich dem Richtigen (Moral) oder dem Wahren (Ethik) zuwenden will. Sobald ein Zweck oder ein Kalkül mit ins Spiel kommt, sind die Würfel jedoch gefallen: Dann geht es um eine Ideologie oder um die Moral – die »Kunst« wird dann schnell politisch und verliert ihren Anteil am Wahren.

Zu beobachten ist dies auch an der Biennale in Venedig, die soeben ihre Tore geöffnet hat. Schlagzeilen machte hier der Beitrag des Schweizer Künstlers Christoph Büchel, dessen Installation ebenso real wie plakativ jenes Flüchtlingsschiff zeigt, bei dessen Untergang 2015 rund 700 Menschen ums Leben kamen.




Politische Kunst ist ein Widerspruch in sich selbst. Entweder handelt es sich bei einem Bild oder einer Installation um ein Kunstwerk oder um eine politische Stellungnahme.

Veröffentlicht am 12.05.2019 9:00 Uhr.

Identität

9.5.2019

Der Architekt, Universitätsprofessor und Architekturtheoretiker Bruno Zervi (1918-2000) bezeichnete das architektonische Werk Giuseppe Terragnis (1904-1943) als den Ankerpunkt der organischen und innerlich demokratischen Architektur.

Das erstaunt umso mehr, als Terragni sich offen zum Faschismus bekannte und sein Hauptwerk, die Casa del Fascio (1936) in Como, im Auftrag der lokalen Abteilung der Nationalen Faschistischen Partei Mussolinis realisierte.

Ebenso erstaunlich ist der Umstand, dass der bekennende Sozialist, Architekt und emeritierte Architekturprofessor, Luigi Snozzi (*1932), dessen Hauptintention es ist, durch bauliche Eingriffe den Orten eine Identität zu verleihen, die Casa del Fascio als Referenzobjekt betrachtet.

Ein Ort erhält durch rationalistisch geprägte Gebäude keine Identität. Im Gegenteil, er versinkt dadurch im Anonymen. Totalitäre Ideen hingegen sind anfällig für den Rationalismus – für die grosse Geste durch die Addition ausdrucksloser, stereotyper Formen.


Giuseppe Terragni, Casa del Fascio (1936), Como

Veröffentlicht am 09.05.2019 15:01 Uhr.

Weitere Einträge laden